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Die Geschichte von Jeremy: Wie ein junger Kölner zum Medizinstudenten in Iași wurde – „Ich habe das Gefühl, hierherzugehören“

Der folgende Artikel erschien ursprünglich in Ziarul de Iași:

Als Jeremy Elias Lockhart Köln in Richtung Rumänien verließ, wusste er nur wenig über die Stadt, in der er die kommenden Jahre verbringen würde. Er hatte gehört, dass Iași als bedeutender Universitätsstandort gilt, dass die Medizinische und Pharmazeutische Universität „Grigore T. Popa“ (UMF Iași) einen ausgezeichneten Ruf genießt und dass sich seine Schwester, die bereits zwei Jahre zuvor dorthin gezogen war, schnell eingelebt hatte.

Dass ihn dort weit mehr als nur ein Medizinstudium erwarten würde, konnte er damals jedoch nicht ahnen. Knapp drei Jahre nach seinem Umzug spricht der heute 21-Jährige Rumänisch, kennt den Rhythmus der Stadt und ist überzeugt, dass Rumänien ihm weit mehr gegeben hat als eine akademische Ausbildung: Es habe ihn persönlich reifen lassen und ihm eine zweite Heimat geschenkt.

Der gebürtige Kölner studiert inzwischen im vierten Studienjahr Humanmedizin an der UMF Iași. Aufgewachsen ist er in einer Familie, in der kulturelle Vielfalt von Anfang an zum Alltag gehörte.

„Meine Mutter stammt aus Deutschland, mein Vater von den Bahamas, und ich bin in Köln aufgewachsen. Dieses internationale Umfeld hat mir schon früh beigebracht, zwischen unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Lebensweisen zu vermitteln“, erzählt der Student im Gespräch mit der Ziarul de Iași.

Jeremy spricht vier Sprachen – Deutsch, Englisch, Spanisch und Rumänisch. Sein Interesse an Menschen sei lange vor der Entscheidung für ein Medizinstudium entstanden.

„Ich würde mich als ehrgeizig und offen für Neues beschreiben. Ich probiere gerne neue Dinge aus, auch wenn sie zunächst nicht der einfachste Weg zu sein scheinen. Menschen, das Leben und insbesondere die Medizin faszinieren mich. Gleichzeitig versuche ich, meine Interessen nicht auf der theoretischen Ebene zu belassen, sondern sie in konkrete Projekte und unternehmerische Ideen umzusetzen.“

Eine bewusste Entscheidung

Dass Rumänien auf Jeremys persönlicher Landkarte erschien, war kein Zufall. Seine Schwester hatte sich bereits zuvor für ein Medizinstudium in Iași entschieden. Ihre positiven Erfahrungen spielten eine wichtige Rolle, als die Familie begann, verschiedene Studienmöglichkeiten abzuwägen.

„Iași war meine erste Wahl. Ich hatte viel Positives sowohl über die Universität als auch über die Stadt gehört. Man sagte mir, dass Iași eine lebendige Studentenstadt sei, in der man in einem guten akademischen Umfeld studieren und zugleich auch außerhalb der Universität ein aktives Leben führen könne.“

Neben den persönlichen Eindrücken gab es auch praktische Gründe für seine Entscheidung. In Deutschland ist die Zulassung zum Medizinstudium äußerst konkurrenzintensiv; die Abiturnote spielt dabei eine entscheidende Rolle.

„Ich wollte nicht einfach irgendwo studieren. Ich wollte an einem Ort leben, an dem ich mich auch als Mensch weiterentwickeln kann. Man könnte sagen, dass meine Noten und das deutsche Zulassungssystem nicht ganz dieselben Pläne für mich hatten. Iași war für mich jedoch niemals die zweite Wahl – sondern eine Chance, für die ich mich ganz bewusst entschieden habe.“

Den entscheidenden Impuls erhielt Jeremy während eines Praktikums auf den Cayman Islands, einem britischen Überseegebiet in der Karibik.

„Anfangs war ich mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt Medizin studieren wollte. Dort habe ich zum ersten Mal erkannt, wie spannend dieses Fach ist und wie eng es mit Menschen, Verantwortung und dem wirklichen Leben verbunden ist. Nach dieser Erfahrung fiel mir die Entscheidung deutlich leichter.“

Der erste Eindruck von Iași – ein unvergesslicher Moment

Jeremy erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er in Rumänien ankam. Es war der 5. Oktober 2023. Der erste Ort, den er in Iași sah, war die Gegend rund um die Markthalle Hala Centrală. Besonders ins Auge fielen ihm die Wohnblocks aus der kommunistischen Zeit.

„Es war nicht unbedingt ein Kulturschock. Aber mir fiel sofort auf, dass die Stadt ganz anders aussieht und sich auch anders anfühlt als Köln. Das hat mich überrascht, zugleich aber auch fasziniert, weil man sofort merkt, dass diese Stadt eine andere Geschichte hat.“

Die ersten Monate standen ganz im Zeichen der Eingewöhnung – eine neue Sprache, eine neue Universität, ein neues Land. Rückblickend verlief die Integration jedoch leichter, als er erwartet hatte.

„Anfangs war für mich alles neu: die Sprache, der Alltag, die Menschen, die Universität und die Art, wie das Leben in der Stadt funktioniert. Die Rumänen, denen ich begegnet bin, waren ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Nach ein oder zwei Monaten hatte ich bereits meinen Alltag gefunden, meine Lieblingsorte entdeckt und meine gewohnten Wege.“

Heute zählt für Jeremy vor allem der frühe Praxisbezug zu den größten Stärken des Medizinstudiums in Iași.

„Am meisten gefällt mir der praktische Teil des Studiums. Man arbeitet früh mit Patienten, lernt direkt in den Krankenhäusern und bekommt von Anfang an einen realistischen Eindruck davon, wie Medizin im Alltag funktioniert. Natürlich ist das Studium anspruchsvoll und verlangt kontinuierliches Lernen. Viele Professorinnen und Professoren erklären den Stoff jedoch sehr gut und unterstützen ihre Studierenden. Wer diszipliniert ist und seine Zeit gut organisiert, findet schnell seinen eigenen Rhythmus.“

Der Studienalltag ist intensiv, und kaum ein Tag gleicht dem anderen.

„Ich schätze diese Balance zwischen Studium, Routine, Sport und sozialem Leben. Hier habe ich gelernt, meinen Alltag zu organisieren, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen und meine Zeit effizienter einzuteilen. Iași ist für mich nicht nur der Ort, an dem ich studiere, sondern auch der Ort, an dem ich erwachsen geworden bin.“

Nicht nur die Universität habe ihm das Einleben erleichtert. Auch die internationale Studierendengemeinschaft sei ein großer Vorteil der Stadt.

„Die meiste Zeit verbringe ich mit internationalen Studierenden, weil die verschiedenen Studienprogramme organisatorisch weitgehend voneinander getrennt sind. Deshalb entstehen Kontakte zu rumänischen Studierenden meist nicht automatisch innerhalb der Universität, sondern eher über Freundschaften, gemeinsame Interessen oder Aktivitäten außerhalb des Campus.“

Zwischen zwei Ländern und zwei Identitäten

Obwohl Jeremy heute in Rumänien lebt, spricht er nie so über Deutschland, als hätte er seine Heimat hinter sich gelassen. Für ihn schließen sich beide Länder nicht aus – sie ergänzen einander.

„Deutschland nimmt ganz selbstverständlich einen wichtigen Platz in meinem Leben ein. Es ist mein Heimatland. Ich bin in Köln aufgewachsen und kehre in den Semesterferien regelmäßig dorthin zurück. Auch wenn ich heute in Rumänien studiere, bleibt Deutschland ein wesentlicher Teil meiner Identität, meiner Sprache und meiner persönlichen Geschichte.“

Das Heimweh habe jedoch nie dazu geführt, dass er sich ausschließlich in der deutschen Gemeinschaft von Iași bewegte. Im Gegenteil: Gemeinsam mit einem deutschen Freund suchte er den Kontakt zum Deutschen Kulturzentrum der Stadt, weil beide sich ehrenamtlich engagieren wollten.

„Wir wollten Kindern Geschichten auf Deutsch vorlesen oder bei kulturellen Veranstaltungen mithelfen. Uns gefiel die Idee, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, die deutsche Sprache und Kultur in Iași sichtbar zu machen.“

Die Erfahrungen dort verliefen etwas anders als zunächst erwartet.

„Ich wurde sehr herzlich aufgenommen, und alle waren offen und freundlich. Gleichzeitig merkte ich, dass ich mir eine Form des Engagements gewünscht hätte, die stärker auf deutschsprachige Gespräche und den direkten Austausch mit der deutschsprachigen Gemeinschaft in Iași ausgerichtet ist.“

Dennoch hält Jeremy Einrichtungen wie das Deutsche Kulturzentrum gerade in einer Universitätsstadt für ausgesprochen wichtig.

„Solche Kulturzentren können Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen schlagen. Ich würde mir wünschen, dass es noch mehr praktische Angebote gäbe, bei denen Muttersprachler, Studierende und Menschen, die Deutsch lernen, direkt miteinander ins Gespräch kommen können.“

„Ich mag, dass die Menschen viel Zeit draußen verbringen“

Auf die Frage, was ihm an Iași am besten gefalle, spricht Jeremy nicht zuerst über die Universität oder die im Vergleich zu Deutschland niedrigeren Lebenshaltungskosten. Das Erste, was ihm einfällt, ist die Atmosphäre der Stadt.

„Ich fühle mich hier sicher, und die Menschen, denen ich begegnet bin, sind ausgesprochen freundlich. Besonders gefällt mir, dass sich das Leben draußen abspielt. Die Menschen treffen sich in Cafés, gehen spazieren, verbringen Zeit miteinander – man merkt, dass sie ihre Stadt genießen. Gerade deshalb wirkt Iași lebendig, ohne dabei überfüllt oder hektisch zu sein.“

Auch Lieblingsorte hat der Student längst gefunden. Besonders häufig zieht es ihn auf den Boulevard Ștefan cel Mare, zum Kulturpalast und in das Viertel rund um den Palas-Komplex, wenn zwischen Vorlesungen und Praktika etwas Zeit bleibt.

„Dort wird einem bewusst, dass Iași weit mehr ist als nur eine Studentenstadt. Die Stadt verfügt über eine beeindruckende Geschichte, ein reiches kulturelles Erbe und eine bemerkenswerte Architektur.“

Als Außenstehender nehme er allerdings auch Kontraste wahr, die Einheimischen im Alltag oft kaum noch auffielen.

„Ich finde den Gegensatz zwischen den historischen Gebäuden, den Kirchen und den Kulturdenkmälern auf der einen Seite und den großen Wohnblocks aus der kommunistischen Zeit auf der anderen Seite sehr spannend. Gerade diese Mischung verleiht der Stadt für mich ihren besonderen Charakter.“

Für Jeremy macht genau dieses Gleichgewicht den Reiz von Iași aus.

„Man kann hier studieren, lernen und arbeiten und gleichzeitig ein schönes Privatleben führen. Es gibt zahlreiche Cafés, Restaurants und Orte, an denen man Freunde treffen kann. Die Stadt ist nicht so groß, dass man sich anonym fühlt, aber groß genug, dass immer etwas Interessantes passiert.“

In den vergangenen knapp drei Jahren hat Jeremy das Land weit über den Universitätsalltag hinaus kennengelernt. Jede Semesterpause nutzte er, um neue Regionen Rumäniens zu entdecken. Seine Reisen führten ihn unter anderem nach Brașov, Bacău, Constanța und in die Karpaten – und jede einzelne habe sein Bild von Rumänien erweitert.

„Besonders gefällt mir, dass man hier wunderbar wandern, angeln und viele andere Aktivitäten in der Natur unternehmen kann.“

Ebenso wie die Landschaft habe ihn auch die rumänische Küche dem Land nähergebracht. Essen sei für ihn weit mehr als nur Genuss – es eröffne einen Zugang zur Kultur eines Landes.

„Die rumänische Küche basiert deutlich stärker auf Fleischgerichten, als ich es aus Deutschland gewohnt war. Gerade das macht sie aber interessant. Mici, Salată de vinete und Gogoși gehören für mich zu den Spezialitäten, die jeder einmal probieren sollte. Das Essen ist unkompliziert, herzhaft und authentisch. Vor allem aber ist es eng mit Familie, Tradition und dem gemeinsamen Essen verbunden. In Iași spürt man deutlich, dass Restaurantbesuche und gemeinsame Mahlzeiten ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens sind.“

„Wenn ich mich noch einmal entscheiden müsste, würde ich wieder Iași wählen“

Obwohl Jeremy noch rund zwei Jahre bis zum Studienabschluss vor sich hat, hat er bereits eine Vorstellung davon, wie sein beruflicher Weg aussehen könnte. Voraussichtlich wird er seine medizinische Weiterbildung in Deutschland oder in der Schweiz fortsetzen und dort seine Facharztausbildung absolvieren.

„Im Moment interessiert mich vor allem die Chirurgie – vielleicht die Allgemeinchirurgie oder ein spezialisierteres Fachgebiet. Ich möchte mich aber noch nicht endgültig festlegen, denn während des Studiums entdecke ich ständig neue medizinische Disziplinen.“

Ganz gleich, wohin ihn seine berufliche Laufbahn führen wird – Rumänien werde immer einen festen Platz in seinem Leben behalten.

„Rumänien wird für mich immer etwas Besonderes bleiben. Ich habe hier einige der wichtigsten Jahre meines Lebens verbracht, Freundschaften geschlossen, die Sprache gelernt und Erfahrungen gesammelt, die mich als Mensch geprägt haben.“

Parallel zum Medizinstudium hat Jeremy noch eine weitere Leidenschaft entdeckt: das Unternehmertum. Es reizt ihn, Ideen in konkrete Projekte umzusetzen. Er schließt nicht aus, dass ihn zukünftige Vorhaben eines Tages wieder nach Rumänien führen könnten.

Fest steht für ihn bereits heute, dass er seine damalige Entscheidung jederzeit wieder treffen würde.

„Wenn ich noch einmal wählen könnte, wo ich im Ausland studieren möchte, würde ich mich wieder für Iași entscheiden. Das mag überraschen, doch diese Entscheidung hat vor allem mit den Menschen zu tun, die ich hier kennengelernt habe, und mit dem Leben, das ich mir in dieser Stadt aufgebaut habe. Iași hat mir nicht nur die Möglichkeit gegeben, Medizin zu studieren, sondern auch die Chance, mich persönlich weiterzuentwickeln.“

Besonders schätzt er die Ausgewogenheit seines Alltags.

„Ich kann lernen, ins Fitnessstudio gehen, neue Menschen kennenlernen, an meinen eigenen Ideen arbeiten und gleichzeitig das Leben in der Stadt genießen. Genau diese Balance ist einer der wichtigsten Gründe, warum ich mich jederzeit wieder für Iași entscheiden würde.“

„Viele halten Deutsche für kühl oder distanziert“

So herzlich spricht Jeremy auch über Rumänien – Deutschland bleibt für ihn Heimat.

„Dort lebt meine Familie, dort sind viele meiner Freunde, und Köln ist die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Deshalb ist Deutschland für mich weit mehr als nur ein Land. Es ist mit Erinnerungen, meiner Familie und meiner Identität verbunden.“

Auch die Art und Weise, wie das gesellschaftliche Leben in Deutschland organisiert ist, weiß er zu schätzen.

„Viele Dinge funktionieren sehr verlässlich und sind gut organisiert. Man kann seinen Alltag relativ einfach planen, und Termine oder Zusagen werden in der Regel eingehalten. Das schafft Stabilität und gibt den Menschen Sicherheit.“

Gleichzeitig ist Jeremy überzeugt, dass über Deutsche noch immer viele Klischees kursieren. Aus seiner Sicht geht es dabei weniger um den Charakter als vielmehr um unterschiedliche kulturelle Gewohnheiten.

„Viele Menschen im Ausland halten Deutsche für kühl oder distanziert. Tatsächlich wirken sie anfangs oft etwas zurückhaltender. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sie unfreundlich sind. Sie brauchen einfach etwas mehr Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Wenn man sie näher kennenlernt, merkt man schnell, wie loyal, ehrlich und herzlich sie sein können.“

Mehr als ein Medizinstudium

Rückblickend sagt Jeremy, die wichtigste Lektion seiner Zeit in Rumänien habe nichts mit Anatomie oder Chirurgie zu tun gehabt. Viel entscheidender seien die Begegnungen mit Menschen gewesen.

Es sei die Erfahrung gewesen, in ein fremdes Land zu ziehen, eine neue Sprache zu lernen, Freundschaften zu schließen und Schritt für Schritt das Gefühl zu entwickeln, dazuzugehören.

„Ich freue mich jedes Mal, wenn ich mich mit Menschen auf Rumänisch unterhalte und sie ganz selbstverständlich ebenfalls Rumänisch mit mir sprechen, anstatt sofort ins Englische zu wechseln. In solchen Momenten merkt man, dass man nicht mehr nur der ausländische Student ist – sondern dass man wirklich angekommen ist und dazugehört.“

Diese Erfahrung beschreibt wohl am treffendsten, was seine Jahre in Iași für ihn bedeuten. Aus einem jungen Studenten aus Köln, der zunächst nur wegen eines Medizinstudiums nach Rumänien gekommen war, wurde jemand, der in einer fremden Stadt nicht nur eine akademische Ausbildung, sondern auch ein zweites Zuhause gefunden hat.

Andreea TIMOFTE

Siehe den im Ziarul de Iași veröffentlichten Originalartikel:

https://www.ziaruldeiasi.ro/stiri/povestea-lui-jeremy-tanarul-din-koln-care-a-ajuns-student-la-umf-iasi-simt-ca-apartin-acestui-loc-foto–1872871.html

 

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